Besuch vor unserer Haustür

03.08.2015, Erfurt

Das erste Ziel der Tour können wir sehr gut mit dem Fahrrad und mit der Straßenbahn erreichen. Die Flüchtlingsunterkunft liegt mitten in Erfurt, weniger als zwei Minuten von der Straßenbahnhaltestelle entfernt.

außenansichtGerade wegen der Zentralität sind unsere Erwartungen groß, die Situation in der Flüchtlingsunterkunft in der Hans-Sailer-Straße soll vergleichsweise gut sein, viel hat sich seit ihrer Einrichtung im Stadtteil Ilversgehofen bewegt. Die lokalen Akteure und sozialen Träger öffneten ihre Angebote und engagieren sich für die Asylsuchenden mit regelmäßigen Angeboten. Das Eckhaus wurde 2014 als Unterkunft für Asylsuchende eingerichtet, heute treffen wir dort zum großen Teil Asylsuchende aus den Balkanstaaten.

Bevor wir den Fuß in das Haus setzen und noch ein bisschen unentschlossen auf der Straße rumstehen, kommt bereits ein aufgeschlossenes elf-jähriges Mädchen auf uns zu, die uns sehr gerne ihr zu Hause zeigen möchte. Wir werden von ihren Eltern sehr freundlich empfangen, setzen uns auf die zu einer Couch umgebauten Betten und versuchen eine gemeinsame Sprache zu finden. Die Eltern erzählen uns, dass sie bald abgeschoben werden sollen, keine Seltenheit für Flüchtlinge aus Serbien. Die Mutter hat Angst vor der Fahrt, weil sie krank ist. Sie sagt, sie müsste eigentlich operiert werden, aber dafür bleibe keine Zeit. Es scheint, als wurden ihr ihre Möglichkeiten nicht ausreichend kommuniziert. Eine Abschiebung ist ausgeschlossen, wenn die Reisetauglichkeit einer Person nicht vorausgesetzt werden kann. Wir erklären ihr, welche Möglichkeiten sie hat.

sofas

Während sich die Einen unserer Gruppe weiterhin mit den Eltern unterhalten, schauen sich die Anderen suchend nach weiteren aufgeschlossenen Gesprächspartner*innen um. Das Mädchen nimmt uns an die Hand und zeigt uns die Wohnung. Die vierköpfige Familie aus Serbien lebt in einer etwa 16 qm großen Einraumwohnung. Sie teilen sich ein Zimmer, in dem vier Matratzen und zwei Bettgestelle gerade so Platz finden. Sie haben eine eigene kleine Küche und ein eigenes Bad. Die Wäsche darf maximal dreimal die Woche zum Waschen abgegeben werden.

waschkeller

Als wir schließlich weiter gehen wollen, protestiert das Mädchen, das uns eingeladen hat. Sie würde gerne mehr Zeit mit uns verbringen, für eine Abwechslung vom Immergleichen.

Nach etwa einer Stunde verlassen wir die Familie und treffen ein Stockwerk tiefer auf eine sechs-köpfige mazedonische Familie. Auch sie leben in der gleichen Wohnsituation, wie einen Stock höher. Die jugendlichen Kinder gehen in eine nah gelegene Schule, sie lernen schnell Deutsch. Die kleineren sind noch nicht im Kindergarten angekommen, aber die Familie wünscht es sich. Der Hof der Unterkunft ist viel zu klein zum Spielen und drum herum ist auch kein Platz. Der nächstgelegene Spielplatz wartet auf der anderen Seite der Magdeburger Allee.

Wir radebrechen ein wenig auf Französisch über ihre aktuelle Situation und dürfen uns über einen mazedonischen Kaffee freuen. Auch hier ist die Angst vor der Abschiebung groß. Was dann?

Schließlich treffen wir im Dachgeschoß auf eine weitere kücheFamilie aus Serbien. Das Ehepaar lebt mit ihrer Tochter und dem Vater des Mannes seit wenigen Tagen in zwei Zimmern. Sie teilen sich das Bad und die Küche mit zwei weiteren Männern. Die Küche besteht aus einer Spüle und einem Herd, eine Arbeitsfläche ist nicht vorhanden. Auch der Kühlschrank steht im Zimmer, direkt gegenüber von dem Bett. Es gibt ein Fenster pro Zimmer, durch das die Sonne und heiße Luft knallen. Dort liegt die Wäsche der Familie übereinandergelegt zum Trocknen.

Der Ehemann sucht alle vier Stühle zusammen, die sie haben und stellt sie um den kleinen Tisch im Zimmer herum. Wir setzen uns und stellen uns vor. Die Ehefrau sitzt etwas abseits von uns und wedelt sich Luft zu. Sie ist hochschwanger und sehr erschöpft von den Treppen bis in den vierten Stock und der Hitze im Dachgeschoss.

Der Ehemann erzählt uns von seinen Sorgen um seine schwangere Frau. Jede Nacht ist für sie Qual, denn die Matratzen sind so durchgelegen, dass sie nicht aufstehen kann, es ist viel zu heiß im Dachgeschoss und es gibt keine Möglichkeit die Zimmer abzudunkeln.

Sie versuchen ein anderes Zimmer zu bekommen, bislang vergebens.

Nach etwa einer Stunde können wir die Hitze in dem Dachgeschoss verlassen, die Familie leider nicht. Ein bitteres Gefühl.

Für die Betreuung der Asylsuchenden in der Unterkunft ist eine Sozialarbeiterin zuständig, die ihr Büro im Erdgeschoss des Hauses hat. Sie wird von den Bewohner*innen oft lobend erwähnt, sie begleitet viele Wege und sorgt dafür, dass die Kinder in Kindergärten und Schulen angemeldet werden. Bei unserem Besuch ist sie im Urlaub, sie hinterlässt eine große Lücke, eine Vertretung ist unseren Gesprächspartner*innen nicht bekannt und auch nicht ausgehangen. Wir verlassen die Unterkunft, jeder in seinen eigenen bedrückenden Gedanken vertieft, und sehen gespannt auf unsere nächsten Begegnungen in Wenigenlupnitz, Altenburg, Zeulenroda und Obermehler.

fenster

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