Endstation Altenburg?

05.08.2015, Altenburg

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Wieder muss sich das kleine Auto durch die gewellte Landschaft schieben, im Raum Ostthüringen sind allerdings schon viele Felder abgeerntet und lassen den Blick frei auf die hellbraune Erde. Auch hier Windräder- nah und in der Ferne. Von der Autobahn ab ist es noch eine gute halbe Stunde bis nach Altenburg, die Stadt ist umgeben von einem stark ländlich geprägten Raum, die Straße schlängelt sich durch hübsche Dörfer mit Vierseitenhöfen und wir folgen ihr. Bis Leipzig ist es mit der Straßenbahn eine knappe dreiviertel Stunde ins Stadtzentrum, nach Erfurt braucht man mit der Bahn 2 Stunden.

Der Landkreis Altenburg hatte sich als einer der ersten für einen starken Ausbau der dezentralen Unterbringung für Asylsuchende entschieden. Wir sind gespannt, was diese Entscheidung für Auswirkungen auf die Situation der Flüchtlinge vor Ort bedeutet. Im Moment gibt es noch keine verbindlichen Standards für die Unterbringung von Asylbewerber*innen in Einzelunterkünften auf Landes- oder kommunaler Ebene.

Am nordöstlichen Stadtrand von Altenburg befindet sich das Wohngebiet Altenburg Nord- hübsch sanierte Plattenbauten und runtergekommene Bauten stehen sich gegenüber. Leider liegen wir mit der Vermutung richtig, in welchen Blöcken die Flüchtlinge leben müssen. Die verwahrlosten Blöcke gehören einer privaten Wohnungsgesellschaft, Gerüchten zu Folge kosten die Wohnung dort unglaublich wenig Miete, aber dafür wird auch nichts gemacht.

Wir werden erwartet, ein junger Mann aus Afghanistan hat sich bereit erklärt mit uns zu reden. Er wohnt ganz oben unterm Dach des unsanierten Plattenbaus. Es hat auch schon mal rein geregnet durch die Wohnzimmerdecke, der Teppich war danach ruiniert. Die Eingangstür zum Block ist offen, die Schließanlage ist kaputt, das Klingelschild marode. Die Briefkästen weisen starke Zerstörungsspuren auf, sind aber mittlerweile aussagekräftig beschriftet, das war schon mal anders. Post kam nicht an oder wurde in andere Kästen eingeworfen. Im Treppenhaus blättert die Tapete ab, das Licht funktioniert nicht und Nazischmierereien sind an den Wänden: „Coming soon: Blutbad“ ist das eine Drohung oder wie soll der Schriftzug zu verstehen sein?

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Wir trinken Tee in der 3- Zimmerwohnung, die sich manchmal sechs alleinstehende Männer teilen und im Moment vier. Zwei Zimmer sind als Schlafzimmer nutzbar, jeweils 3 Betten stehen dort, Vorhänge oder Jalousien gibt es keine. Das Wohnzimmer ist mit Möbeln vom Sperrmüll eingerichtet und bietet dadurch die Möglichkeit sich gemütlich hinzusetzen. Man merkt der Wohnung an, dass hier schon länger jemand lebt. „Seit zwei Jahren warte ich auf eine Antwort vom Bundesamt auf meinen Asylantrag“—das ist das Schlimmste sind sich die beiden jungen Männer aus Afghanistan einig. Sie sind beide auf der Suche nach Arbeit, was sich als schwierig erweist. Es gab einen Arbeitgeber in Hamburg, aber dieser hält sich nicht an den Tarif der Branche und somit wurde die Arbeitserlaubnis angelehnt.

Sie wollen es weiter versuchen, bei einem anderen Bekannten hat es geklappt, er hat über Freunde eine Arbeit in Frankfurt/Main gefunden. „Ich habe Verantwortung für meine Familie, ich muss arbeiten“ sagt unser Gastgeber. Das komplett verschimmelte Bad und der Schimmel an der Schlafzimmerdecke sind dagegen nicht so wichtig. Beide Männer nehmen Schlaftabletten, weil sie vor lauter nachdenken und warten, dass sich endlich etwas an ihrer Situation ändert, um den Schlaf gebracht werden. Die Gedanken kreisen und kreisen und finden keinen Ausweg aus der Situation. Die Antwort vom Bundesamt in ihrem Asylverfahren lässt schon seit zwei Jahren auf sich warten.IMG_7682

Unsere Reisegruppe trennt sich, während Melissa und unser Dolmetscher eine weitere Familie besuchen, fahre ich zu einem Treffen mit Unterstützer*innen der Schutzsuchenden. Es gibt große Pläne in Altenburg, einige der engagierten wollen einen Verein gründen der die Unterstützungsprojekte koordiniert und mehr Menschen die Möglichkeit eröffnet mit aktiv zu werden. Bisher laufen viele der Unterstützungsangebote durch private Kontakte, es wird ein Deutschkurs ehrenamtlich organisiert, eine Frau unternimmt mit ihren „Patenkindern“ Ausflüge zum See, eine andere hat ein privates Möbellager angelegt und hilft bei der Wohnungsausstattung. Im Moment fehlt ihnen ein Ort der Begegnung, wo die Projekte zusammenlaufen können und auch ein gemütliches Beisammensein möglich ist. Gute Erfahrungen gibt es bereits bei einigen Fußballvereinen, die sich für ihre neuen Mitspieler ins Zeug legen und ihnen z.B. die Ausstattung und notwendigen Schuhe besorgen oder sie zum Training und zu den Spielen abholen.

Während ich bei den Unterstützer*innen bin, besuchen Melissa und unser Dolmetscher eine Familie aus Afghanistan, sie sind im gleichen Wohngebiet in einer Plattenbauwohnung Altenburg-Nord. Ihre Erfahrungen sind gut in Altenburg, es ist hier ganz angenehm zu leben. Es gab die Möglichkeit einen ESF-BAMF-Kurs in Gera zu besuchen und es gibt Kontakt zu angenehmen Unterstützerinnen von der Kreisdiakoniestelle. Sie fühlen sich wohl in Altenburg.IMG_7732

Wieder vergeht der Tag wie im Flug, es neigt sich gen Abend. Unser Dolmetscher hat früher selbst in Altenburg gewohnt, wir werden von einer befreundeten Familie aus Afghanistan zum Essen eingeladen. Die Frau schimpft ein bisschen mit uns, wir hätten früher Bescheid sagen sollen, dass wir kommen. Dann hätte sie etwas Richtiges gekocht. Unsere Bäuche füllen sich aber auch so mit leckerem Salat, Thunfisch-Omelett und frischem Brot und Obst. Wir würden nach Hause kullern, hätten wir früher Bescheid gesagt.

Leider wohnt auch diese Familie sehr beengt, seit vier Jahren warten sie schon auf eine Entscheidung in ihrem Asylverfahren. Drei Betten stehen in einem kleinen Nebenzimmer, ein Bett im Wohnzimmer, im Bad bröckelt die Wand. Die Familie hat die Wohnung trotzdem freundlich gestaltet, sie hatten viel Zeit dazu. Die Frau berichtet uns, dass sie oft angst hat. Die Türen zum Block stehen immer offen, im Hof sitzen oft Leute in trinken. Sie kommen zum Wasser lassen in die Hauseingänge und prügeln sich manchmal mitten in der Nacht dort. Sie traut sich nicht allein mit ihrer Tochter zum Spielplatz.

Wir bedanken uns für das leckere Essen und verabschieden uns, wir haben noch eine Verabredung mit einem Schutzsuchenden aus Somalia in einem anderen Wohngebiet: Leipziger Straße.

Es ist ein Stück Weg von Altenburg Nord zur Leipziger Str., das Plattenbaugebiet liegt ein wenig außerhalb der Stadt, gegenüber von einem Gewerbegebiet.

Von außen machen die Gebäude einen guten Eindruck, es sieht saniert aus, die Gegend drum herum ist gepflegt, es ist einiges los auf dem Spielplatz. Diese Wohnungen gehören zur kommunalen Wohnungsbaugesellschaft, die Unterstützer*innen im Landkreis haben darauf gedrängt, dass nicht nur die runtergekommenen Plattenbauten von der privaten Wohnungsverwaltung in ABG-Nord angemietet werden.

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Von innen ist die Wohnung ganz kahl, die Männer wohnen noch nicht lang hier, es gibt nur die Grundausstattung: ein Stuhl pro Person, ein Platz am Tisch, ein Bett und Bettzeug, ein Spind. Ich frage mich immer wieder: wie schlägt man nur diese ewige Zeit des Wartens tot? Sprachlernmöglichkeiten sind so gut wie nicht vorhanden, Arbeit finden und dann auch annehmen dürfen ist ohne Beziehungen schwer, was also tun die ganze Zeit? Eine der wenigen Möglichkeiten die Zeit tot zuschlagen ist Internet, sie haben einen Vertrag mit Telekom und teilen sich die monatlichen Kosten für den Anschluss.

Einer der ersten Punkte den die Asylsuchenden aus Somalia ansprechen: Warum dauert das Asylverfahren so lang? Sie sind schon seit einem Jahr hier und hatten erst ihr erstes Interview d.h. sie konnten noch nicht über ihre Fluchtgründe reden.

Auch hier ist die medizinische Versorgung ein großes Problem, manche Ärzte schicken die Flüchtlinge weg und wollen sie nicht behandeln. Es werden Privatrezepte ausgestellt und nicht erklärt, dann man die Kosten selbst bezahlen soll. In der Apotheke ist dann die Verwunderung groß. Professionelle Dolmetscher gibt es auch nie.

Der Weg in die Stadt ist weit, oft werden sie aus den fahrenden Autos heraus beschimpft und ihnen wird der ausgestreckte Mittelfinger gezeigt. Sie gehen so gut wie nie allein raus, sie haben Angst, dass aus den Pöbeleien mehr wird.

Es ist dunkel, wir machen uns auf die Heimfahrt. Zu Hause warten die Familien, machen sich schon Sorgen weil es so spät geworden ist.

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