„If I can get education and training here, I can wait. If I have to eat and sleep, eat and sleep, I am dying here, my mind is dying and rotting.“

06.08.2015, Zeulenroda

außenansicht

Eine lang gezogene Brücke führt über das „Zeulenrodaer Meer“- eine sich glitzernd unter uns im Sonnenschein ausbreitende Wasserfläche. Es ist wieder heiß an diesem Augusttag und wir überlegen, ob wir unsere Gespräche nicht an den Strand verlegen. Der Trinkwasserschutz der Talsperre wurde aufgehoben und das Wasser ist somit zum Baden freigegeben. Diese Möglichkeit nutzen auch viele der Asylsuchenden, werden wir später erfahren.

Zeulenroda gehört zum Landkreis Greiz, der vor allem durch einen restriktiven Umgang von Seiten der Landrätin und des Landratsamtes mit den dort lebenden Flüchtlingen bekannt ist. Doch die Menschen und Verantwortungsträger*innen in Zeulenroda haben sich etwas anderes vorgenommen: Konsequent wurde auf eine ernsthafte dezentrale Unterbringung der Asylsuchenden gedrungen und die städtische Wohnungsbaugesellschaft hat mitgezogen. Die ursprünglichen Pläne komplette Aufgänge der leerstehenden Blöcke mit Flüchtlingsunterkünften zu belegen, wurden nur teilweise umgesetzt. Derzeit sind mehrere Wohnungen in zwei Plattenbaugebieten und in der Stadt für die Flüchtlingsunterbringung an den Landkreis vermietet. Im Amtsblatt wurden mehrere Aufrufe zu einem offenen, hilfsbereiten Umgang mit den geflüchteten Menschen veröffentlicht und von Seiten der Stadtverwaltung gibt es einen zentralen Ansprechpartner der Unterstützungsangebote koordiniert.

„Straße der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft“ Freundschaft hört sich erstmal vielversprechend an- wir sind gespannt was uns die Geflüchteten berichten, wie es ihnen in Zeulenroda ergeht. Leider ist die Thüringer Realität im Moment noch so, dass die Asylsuchenden in kleineren Städten sofort erkennbar sind. Wir sprechen einen jungen Mann an, bei dem wir einen Fluchthintergrund vermuten. Wir würden gerne mal die Antwort hören: „Wie kommen Sie denn darauf, mir gehört die Autowerkstatt hier im Ort. Bloß weil ich nicht-weiß bin, muss ich doch kein Flüchtling sein“. Ob wir in ein paar Jahren solche Antworten hören werden?

Er nimmt uns mit zu seiner Wohnung, die er sich mit anderen jungen Männern aus Eritrea teilt. Sie befindet sich in dem Aufgang, der vor allem mit Flüchtlingswohnungen belegt ist. Im Moment gibt es noch keine Standards für die dezentrale Unterbringung, unsere Erfahrung ist, dass dadurch die Standards der Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften angewandt werden: ein Stuhl und Platz am Tisch pro Person, ein Herd für acht Personen, ein Schrank, ein Bett. Man merkt den Unterschied in den Wohnungen, ob die Leute schon länger dort wohnen oder nicht, sie organisieren sich Sofas, teilen sich die Kosten für einen Fernseher, ein paar Schränke, die nicht Metallspinde sind.

IMG_7837

Das Schlafzimmer teilen sich auch hier drei Personen, sie haben erst in Greiz –Pohlitz im Heim gewohnt, jetzt sind sie seit ein paar Wochen hier. So lang auf so engem Raum zusammen wohnen ist anstrengend. Es gibt keine Privatsphäre, nicht mal das Bad kann man abschließen.

Verständlicherweise sind die Schutzsuchenden eher misstrauisch gegenüber uns, wir sind für sie Fremde, die vorbeikommen und fragen, wie es ihnen hier gefällt. Seltsame Situation. Und vor allem immer die Frage: Wozu? Ändert sich dann etwas?

Wir erklären, dass wir uns als Verein für die Rechte von Schutzsuchenden einsetzen und mit unseren Berichten ihrer Sicht auf die Dinge eine Plattform geben wollen. Im Moment diskutieren so viele Menschen über ihre Situation, aber für die Betroffenen gibt es kaum bis gar keine Beteiligungsmöglichkeiten dabei.

Die Gruppe von Eritreern berichtet uns, dass ein großes Problem die lange Bearbeitungsdauer der Asylanträge ist. Auch bei ihnen sind einige dabei, die noch nicht ihr zweites Interview beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hatten, wo es um die eigentlichen Fluchtgründe geht. „Nur essen und schlafen, essen und schlafen“ mehr kann man nicht machen. Während der Zeit des Asylverfahrens gibt es keinen regulären Zugang zu Sprachkursen. Durch Ehrenamtliche wird im Moment zweimal wöchentlich für ein bis zwei Stunden Deutsch angeboten. Das Angebot soll im September ausgeweitet werden auf vier Tage die Woche, berichtet uns ein Unterstützer vom CJD.

„If I can get education and training here, I can wait. If I have to eat and sleep, eat and sleep, I am dying here, my mind is dying and rotting.“ berichtet ein junger Mann, der aus Eritrea vor dem lebenslangen, brutalen Militärdienst geflohen ist.

IMG_7839Die Berufsschule wird für viele der jungen Männer und Frauen ein „Berufsvorbereitungsjahr Sprache“ anbieten. Durch dieses spezielle BVJ können die Berufsschulen Schüler*innen nichtdeutscher Herkunftssprache ein Vorbereitungsjahr mit einem erhöhten Anteil Deutschunterricht an bieten und die Möglichkeit in ein bis zwei Jahren einen Hauptschulabschluss zu erlangen. Bei der oftmals lebensgefährlichen Flucht sind Zeugnisse oft unmöglich mitzunehmen oder später aus dem Herkunftsland zu besorgen. Mit dem Abschluss und der Sprachkompetenz ist das Finden einer Ausbildungsstelle oder Arbeit um ein Vielfaches einfacher.

Was uns oft begegnet ist Frustration auf Seiten der Asylsuchenden, weil sie nur selten die Möglichkeit haben sich ausdrücken zu können: Deutschlernangebote sind sporadisch und professionelle Dolmetscher werden so gut wie nie herangezogen. Das führt zu schweren Missverständnissen: ein Eritreer erzählt uns, dass er beim Arzt mit Schmerzen war und ein Rezept ausgestellt wurde. Bei der Apotheke sollte er für das Medikament bezahlen. Er versteht nicht, warum. Was ist, wenn er mal kein Geld hat, muss er dann weiter Schmerzen haben? Auch ist ihm unklar, wie das System mit den Krankenbehandlungsscheinen funktioniert: Bekommt er nur einmal einen? Und was ist, wenn es ihm wieder schlecht geht? Man ist immer auf den Gefallen von jemand anderem angewiesen: manchmal bedeutet der Gefallen, dass sich Deutsche Mühe geben, Englisch zu sprechen, ein andermal das andere Asylsuchende, die schon länger hier sind und die Sprache besser können, übersetzen.

In der Wohnung hat durch unseren Besuch ein ständiges Kommen und Gehen begonnen, viel los ist hier sonst nicht. Wir fragen, ob manchmal auch andere Deutsche zu Besuch kommen und fragen, wie es so geht. Wir ernten schallendes Gelächter. Vor allem die Leute, die neu aus Greiz gekommen sind, finden unsere Frage besonders absurd. Ihre Erfahrung war, dass wenn sie jemanden auf der Straße angesprochen haben, das Beste war, wenn nur abgewunken wurde. Aber trotzdem finden sie es hier besser als im Heim in Greiz, dort gab es viel Konfliktpotential. Viel zu viele Menschen auf zu kleinem Raum, die keine gemeinsame Sprache miteinander haben. Es gab ständig Ärger und die Polizei war da.

Wir verabschieden uns und besuchen mit einem der Unterstützer die Räume des CJD. Der Jugendmigrationsdienst hat nah bei den Plattenbauten seine Räume und bietet dort den ehrenamtlichen Deutschkursan. Es gibt noch große Pläne, ein nahliegendes Gebäude soll als kulturelles Begegnungszentrum eingerichtet werden. Viele der Asylsuchenden aus Eritreer sind orthodox und es soll ein Gebetsraum entstehen. Ein Patenprojekt hat sich ebenfalls etabliert und trifft sich regelmäßig.

IMG_7807

In der Stadt gibt es einen Runden Tisch Asyl und die Stadt hat einen Mitarbeiter zur Koordination der Unterstützungswilligen benannt. Wir waren mit ihm verabredet, leider ist er auf Grund von Krankheit verhindert. Zum Glück gibt es Telefon, wir sind auf seine Sicht der Dinge im Nachgang gespannt.

Der Tag ist schon weit fortgeschritten, als nächstes sind wir zu einer Wohnung eingeladen, wo Menschen aus Somalia zusammen leben. Sie sind schon länger in Zeulenroda. Auf unsere Frage, wie es ihnen hier geht, ernten wir ein strahlendes Lächeln „gut, gut“. Sie haben sich Sofas organisiert, es gibt einen Sozialladen „Fair“, der billig Möbel und Fahrräder anbietet.

Die Wohnung befindet sich in einem anderen Wohngebiet, deutlich weniger Blöcke, weniger Wohnungen pro Aufgang sind „mit Flüchtlingen belegt“, wie der Verwaltungssprech heißt. Das beurteilen die Somalier als gut, man hat Kontakt zu den deutschen Nachbarn. Einer kommt auch vorbei, als wir da sind und guckt ganz verdutzt. Er komme öfters vorbei, er hilft, wenn es Probleme mit den Rechnern oder Handys gibt, manchmal erzählen und essen sie alle zusammen. Es gibt keine Probleme, außer das die Türen manchmal zu laut zugemacht werden. Insgesamt ist die Stimmung gut, bloß leidet auch hier die Privatsphäre. Paare haben keine Möglichkeitsich irgendwo ungestört zu treffen. Die Wohnung ist kleiner, ein Schlafzimmer und ein Wohnzimmer mit vier Personen. Zwei Matratzen werden abends im Wohnzimmer ausgelegt.

IMG_7825

Auch hier wieder die vordringlichen Probleme, dass die Zeit des Wartens auf Antwort im Asylverfahren unerträglich lang ist und es keine Perspektive gibt, wann es zu einer Entscheidung kommt. Auch fehlt der Zugang zu einer unabhängigen Asylverfahrensberatung, die Sozialbetreuung kann diese Aufgabe nicht übernehmen, gegenüber der Ausländerbehörde bestehen Ängste von Seiten der Asylsuchenden und ein Anwalt kostet viel Geld.

Der Nachmittag klingt langsam aus, die spätsommerliche Sonne versinkt hinter den Hügeln, IMG_7841die Zeulenroda umgeben. Wir werden zum Abendessen eingeladen von unsern Begleitern des Tages aus Eritrea. Die Stimmung ist gelöst, über den Tag sind wir uns näher gekommen, die Gespräche drehen sich nicht mehr nur um Missstände sondern ganz alltägliches: welche Musik wir hören, ob wir Helene Fischer mögen? Sie ist sehr angesagt bei einem unserer Gastgeber. Für das nächste Wochenende haben sie sich auch vorgenommen auf ein Volksfest zu gehen, sie wollen endlich mal wieder tanzen. Die Konstellation „Fest“ und „Dorf“ lässt einige von uns ein bisschen zusammen zucken. Wir haben auf unserer Thour gerade von den Menschen mit deutlich nicht-weißer Hautfarbe viel von rassistischen Pöbeleien, Übergriffen und Angestarrt werden gehört. Wir sagen unsere Bedenken und wünschen ihnen aber hoffentlich trotzdem einen schönen Abend.

Der Abschied steht an, die Anwohner des Hauses sind froh, dass wir endlich ihre Parkplätze räumen. Wir bedanken uns für die Gastfreundschaft und tuckern langsam gen Erfurt. Die Ernte beginnt auf den Feldern Thüringens. Staubschwaden wirbeln durch die Gegend, Mähdrescher blockieren vor uns die Straße. Es ist Abend und der nächste Tag wird uns nach Obermehler im Unstrut-Hainich-Kreis führen.

Advertisements
„If I can get education and training here, I can wait. If I have to eat and sleep, eat and sleep, I am dying here, my mind is dying and rotting.“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s