„I’m happy to have a home, but sometimes it’s a prison“

07.08.2015, Obermehler

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Sengende Hitze, Hitzeflirren über dem Asphalt, die vorerst letzte Station unserer Thour führt uns in den Nordwesten Thüringens nach Obermehler im Unstrut-Hainich-Kreis. 837 Einwohner*innen zählt der Ort, der 12 km nordöstlich von Mühlhausen gelegen ist.
Die Gemeinschaftsunterkunft liegt außerhalb des Ortskernes, in den ehemaligen Plattenbauten einer Kaserne der sowjetischen Truppen. Eröffnet wurde sie im März 2015. Als wir in den Ort einbiegen, wummern uns Bässe entgegen. Auf dem nahegelegenen Flugplatz ist ein Metal-Festival, Menschen mit schwarzen T-Shirts und Bandaufdrucken kommen uns entgegen oder suchen Schatten zwischen ihren parkenden Autos. Hundert Meter weiter hinter einem Pappelhain sind die beiden Blöcke der Gemeinschaftunterkunft. Von außen machen sie einen guten Eindruck, die Gebäude sind saniert, mit freundlichen Farben gestrichen und von den Balkonen hat man einen weiten Ausblick über die angrenzenden Felder. Es gibt viele Felder zu sehen, neben dem Flugplatz ist die Landwirtschaft der wichtigste Standortfaktor laut Wikipedia.

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Zwischen den Blöcken ist ein Spielplatz, auf dem Rasen im Schatten der Bäume sind diverse Sitzgelegenheiten aufgebaut und zahlreiche Kinder und Erwachsene wuseln durch die Gegend. Um die Unterkunft herum herrscht geschäftiges Treiben. Unser Dolmetscher spricht Dari, die ersten Menschen, die wir ansprechen leider nicht. Auch mit Englisch kommen wir nicht viel weiter. Wir schauen uns suchend um, vielleicht trifft man ein Bekanntes Gesicht. So ist es auch – das Mädchen, das uns in Erfurt schon unter seine Fittiche genommen hatte, ist zu Besuch bei der Familie ihres Bruders, die in Obermehler untergebracht ist. Sie manövriert uns durch den dunklen Treppenaufgang in die Wohnung der Familie ihres Bruders. Die Drei-Raum-Wohnung ist karg möbliert, die Familie lebt dort mit ihren vier Kindern. Die Eltern und Kinder haben getrennte Schlafräume, ein Wohnzimmer, Küche und Bad. Das ist sehr schön, berichten sie. Am Anfang gab es die Grundausstattung: ein Bett, einen Tisch und einen Stuhl pro Person. Die Sofas und sonstige Schränke kaufte der Familienvater selbst und organisierte den Transport. Nicht jede Familie hat soviel Platz, es leben manchmal auch zwei Familien in einer Wohnung dieser Größe. Er suchte nach Arbeit, aber wer nimmt ihn schon ohne Deutschkenntnisse?

Am schlimmsten ist die Langeweile, die Unterkunft liegt abgeschieden und eine Anbindung an den ÖPNV musste erst neu organisiert werden. Die Kinder wurden nicht eingeschult, wird uns berichtet, erst mit dem kommenden Schuljahr wird diese Herausforderung angegangen. Die Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz werden in der Unterkunft ausgezahlt, der einzige Grund mit dem Bus in die Stadt zu fahren, ist zum Einkaufen. Das kann man auch zu Fuß im zwei Kilometer entfernten Schlotheim, auf dem Fahrradweg nach Schlotheim herrscht ebenfalls ein reges Treiben.

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Durch unsere Dolmetscher treffen wir auf mehrere junge Männer aus Afghanistan. Wie sich später rausstellt, wurden sie anscheinend vergessen in ihrem Asylverfahren. Im Winter 2014/2015 erreichten sie Deutschland und wurden als Asylsuchende registriert. Im Rahmen des Verteilungssystems EASY des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge wurden sie nach Thüringen verteilt. Sie hatten im Februar 2015 Termine beim Bundesamt zum Registrieren und für die förmliche Asylantragstellung. Die Termine fielen aus, weil der Dolmetscher erkrankte. Jetzt leben sie seit Monaten in Obermehler, kein neuer Termin beim Bundesamt kam und immer noch mit dem Dokument der „BÜMA“ (Bescheinigung über die Meldung als Asylsuchender), die eigentlich nur zwei Wochen gültig ist. Sie sind irritiert und besorgt, ob ihnen daraus irgendwelche Nachteile für die Entscheidung über ihren Asylantrag erwachsen.

Eine Gruppe junger Albaner lädt uns zu kalten Getränken ein, bei der Hitze ein prima Angebot, welches wir nicht ablehnen. Sie sind frustriert über ihre Situation in Obermehler und Deutschland „Die Regierung in Albanien ist schrecklich, mein Leben dort ist beendet. Ich habe keine Zukunft dort. Obwohl ich auch in Europa geboren bin, kann ich nicht einfach woanders hin gehen. Albanien ist meine Heimat, wenn ich dort eine Zukunft hätte, wäre ich sofort zurück.“ Einige der jungen Männer haben über Verwandte Jobangebote erhalten, bislang scheiterten alle Anläufe am komplizierten Bewilligungsverfahren.

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Der Zugang zum Arbeitsmarkt ist während des Asylverfahrens abhängig von der Dauer des Aufenthaltes: die ersten drei Monate gilt ein Arbeitsverbot. Nach drei Monaten in der Zeit bis zum 15. Monat wird durch die Agentur für Arbeit eine Vorrang- und Arbeitsbedingungsprüfung durchgeführt. Bei der Vorrangprüfung wird geschaut, gibt es bevorrechtigte Arbeitnehmer im „Bestand“ der jeweiligen Agentur für Arbeit, die theoretisch für diese Stelle in Frage kämen? Die zweite Prüfung gilt den Arbeitsbedingungen: es wird geprüft, ob der branchenübliche bzw. durch einen Tarifvertrag festgelegte Lohn gezahlt werden soll und wie die Arbeitszeiten sich gestalten. Dieses Verfahren kann sich eine Weile hinziehen und viele Arbeitgeber verlieren die Geduld und wollen nicht so lang warten. Bei Stellen im Helferbereich findet sich auch meist jemand anderes aus dem Bestand der örtlichen Arbeitsagentur, der bevorrechtigt wäre. Erst nach vier Jahren ist der Weg auf den Arbeitsmarkt frei.

Frustiert sitzen sie in der kleinen Wohnung in Obermehler und hängen hier fest.

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