Wir wollen keinen Luxus

21.01.2016, Ershausen

Das neue Jahr hat begonnen und wir führen unsere Lagerthour fort. Dieses mal fahren wir in das kleine Dorf Ershausen im Eichsfeld. Dort lebt seit einem knappen Jahr eine albanische Familie. Sie waren mit unter den ersten Flüchtlingen, die in das Dorf geschickt worden. Wir wollen sehen, wie die Familie im Ort aufgenommen wurde und was die Unterbringung mitten im Nirgendwo mit ihnen macht. Über anderthalb Stunden brauchen wir mit unserem Auto von Erfurt aus, die Straßen werden immer kleiner und steiler. Überall liegt Schnee und die Sonne blendet uns.

In Ershausen treffen wir eine Unterstützerin der Familie. Sie hat unser Kommen mit der Familie vereinbart, auch weil wir dieses Mal jemanden von Radio F.R.E.I. dabei haben und erst einmal nachfragen wollten, ob die Familie mit einem Interview fürs Radio einverstanden sei. Die Unterstützerin bringt uns zu dem sanierten Neubaublock, in dem die Familie eine Wohnung bezogen hat. Mark, der Vater, begrüßt uns im Hausflur und bittet uns herein. Als unsere Übersetzerin ihn auf Albanisch begrüßt strahlt er überrascht und umarmt sie herzlich. Die kleine Wohnung ist sehr sauber, an der Wand hängen Bilder von Mutter Theresa und eine Ikone.

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Im Wohnzimmer sitzt die Mutter Donika mit der kleinen Tochter Noela. Sie erzählt uns, dass ihre Tochter am Dandy-Walker-Syndrom leidet und in Albanien mit einem Wasserkopf geboren wurde. Als Noela 9 Monate alt war, erzählten die Ärzte in Albanien, dass sie eine Wirbelsäulen-OP bräuchte, die in Albanien gar nicht möglich wäre. Daraufhin nehmen die Eltern Kontakt mit Ärzten in ganz Europa auf und suchen jemanden, der ihre Tochter behandeln kann. Fündig werden sie am Zentrum für seltene Krankheiten der Berliner Charité. Daraufhin kommen sie so schnell wie möglich nach Deutschland und beantragen Asyl.

Zunächst werden sie in den Erstaufnahmeeinrichtungen in Eisenberg und Suhl untergebracht. Die Mutter zeigt uns ein Dokument aus der Zeit, in dem das Landesverwaltungsamt, welches die Erstaufnahmeeinrichtungen verwaltet, die Berliner Charité kontaktiert um herauszufinden, ob die Unterbringung in einem derartigen Lager dem Mädchen gesundheitlich schaden kann. Die Antwort sehen wir nicht, aber die Familie kommt nach wenigen Wochen aus der Erstaufnahmeeinrichtung heraus und nach Ershausen.

Seitdem sind die Eltern hier. Liebevoll umsorgen sie ihre kleine Tochter. Noela leidet zusätzlich an Epilepsie und kann deshalb auch nicht sehen. Ihr Hinterkopf ist durch ihre Erkrankung noch nicht so fest wie bei anderen Kindern in ihrem Alter. Deswegen braucht sie die ständige Betreuung ihrer Eltern. Ihre Mutter geht so oft sie kann vormittags für zwei Stunden mit ihr in den Kindergarten im Dorf. Noela strahlt, wenn sie die anderen Kinder spielen hört.

Der Sohn der Familie besucht die erste Klasse. Davor war er im Kindergarten. Er hat schnell Deutsch gelernt und die Eltern sind sehr stolz auf ihn. Sie erzählen uns, dass er bei allen Festen im Dorf und Veranstaltungen in der Kirche dabei ist und beim örtlichen Fußballverein „Traktor Geismar“ spielt.

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Es gefällt ihnen gut hier auf dem Dorf. „Ich würde aber auch auf der Straße schlafen, wenn es meiner Tochter dafür besser gehen würde“ sagt ihr Vater, der für ungefähr 1,20€ pro Stunde Hausmeistertätigkeiten für das Sozialamt übernimmt. Er selbst musste im letzten Jahr wegen Krebs operiert werden. Ihm gefällt es, dass seine Tochter hier in Deutschland respektvoll behandelt wird. „In Albanien werden kranke Menschen nicht respektiert. Eigentlich werden nicht einmal gesunde Menschen in Albanien respektiert.“, sagt er und lacht.

Da die Familie noch im Asylverfahren ist und Albanien durch seine Einstufung als sicheres Herkunftsland auch nicht im Kreis der Länder ist, aus denen Schutzsuchenden eine „gute Bleibeperspektive“ zugesprochen wird, bekommen sie keinen Integrationskurs bezahlt. In der örtlichen Schule gibt es nachmittags regelmäßig ehrenamtlichen Deutschunterricht. Da die Eltern sich aber permanent um ihre Tochter kümmern müssen, können sie daran nicht teilnehmen. Mehrere Herkunftsdeutsche haben sie seit ihrer Ankunft in Ershausen unterstützt, darunter auch eine Ärztin und eine Apothekerin.

„Wir arbeiten hart, wir wollen keinen Luxus. Wir wollen nur, dass es unserer Tochter gesundheitlich besser geht.“ Zunächst müsste ihre Tochter dafür eine Reihe an Therapien bekommen, danach könne man sie auch operieren. Doch die benötigten Behandlungsscheine vom Sozialamt zu bekommen ist sehr schwierig. Bisher hat sie nur vier mal zwanzig Minuten Physiotherapie bekommen. Am liebsten wäre die Familie in Berlin, dort wurde ihnen eine Behandlung seitens der Charité angeboten. Derzeit wartet die Familie noch auf den Entscheid in ihrem Asylverfahren. Die Chancen auf eine positive Antwort ist für Geflüchtete aus Albanien sehr gering, im vergangenen Jahr bekamen lediglich 0,2 Prozent der Antragssteller eine Aufenthaltserlaubnis in Deutschland.

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Die Reportage von Radio F.R.E.I. gibt es hier zum Nachhören:

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