Langeweile als Dauerzustand

09.08.2016, Obermehler

Im Zuge unserer Lagert(h)our besuchen wir ein weiteres Mal die Gemeinschaftsunterkunft in Obermehler, um uns die Situation der Geflüchteten, ein Jahr nach unserem letzten Besuch, nochmals anzuschauen. Mittlerweile wohnen in den sechs Wohnblöcken rund 680 Menschen. Zwei Blöcke werden von Human Care betreut. Die übrigen stehen unter der Verwaltung des Landratsamtes, wobei Human Care  für die Ausstattung verantwortlich ist. Auf den letzten Metern unserer Anfahrt, sehen wir bereits viele Menschen, die den Weg zwischen Schlotheim und Obermehler nutzen, um ihre Einkäufe nach Hause zu bringen. Angekommen treffen wir zwei Unterstützer vor Ort. Von ihnen erfahren wir grundsätzliche Informationen zur aktuellen Lage. Neu ist ein Zaun, der das gesamte Gelände umgibt. Die Vertreter erzählen uns, dass die Sicherheit der Bewohner*innen als Grund für den Bau angegeben wurde. Angeblich seien Kinder immer wieder auf die Landstraße, welche direkt vor den Unterkünften vorbeiführt, gelaufen. Warum auch die anderen Seiten mit einem Zaum versehen wurden, bleibt offen.

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Noch im Gespräch betreten wir das Gelände. Kinder spielen auf einem kleinen Platz mit Toren Fußball. Viele Menschen stehen auf dem Gelände in kleinen Gruppen und unterhalten sich. Bauarbeiter sind gerade dabei, ein paar alte Spielgeräte zu entfernen und durch einen neuen, jedoch sehr kleinen Spielplatz zu ersetzen. Die kaputte Hausfassade, die schon vor einem Jahr als Bild in unserem Bericht zu finden war, ist noch immer nicht saniert. Da es uns dieses Mal vor allem darum geht, wie es den hier untergebrachten Menschen ergeht, versuchen wir schnellstmöglich ins Gespräch mit den Bewohner*innen zu kommen. Dabei ist unser Arabisch-Dolmetscher eine große Hilfe. Wir treffen aber auch Besucher und Bewohner*innen, die für uns übersetzen können.DSC04040.JPG

 

Schnell zeigt sich, welches die schwerwiegendsten Probleme für die Bewohner*innen sind. Zum einen fehlt es an Sprachkursen. „Es gibt hier vor Ort keine Möglichkeit Deutsch zu lernen“ berichtet ein 20-jähriger Syrer, der seit drei Monaten in Obermehler untergebracht ist. Um einen Deutschkurs zu besuchen, müssen die Menschen mindestens 32 Minuten nach Mühlhausen mit dem Bus fahren. Hier offenbart sich ein weiteres Problem: die teuren Bustickets sind nur schwerlich aufzubringen, „vor allem wenn wir regelmäßige Sprachkurse besuchen wollen“. Immerhin kostet eine einfache Fahrt nach Mühlhausen schon 3,70 €. Andererseits stellen wir beim Aufsuchen der Bushaltestelle fest, dass nicht mal ein Fahrplan aushängt. Immerhin wurde mittlerweile eine Busverbindung organisiert, doch auch im Internet lassen sich nur schwer Information zu den Abfahrtszeiten finden. Die Abgelegenheit der Unterkunft zeigt sich auch in der Entfernung nach Schlotheim, der nächsten größeren Stadt mit Einkaufsmöglichkeiten. Die Menschen müssen zu Fuß oder mit dem Fahrrad die drei Kilometer nach Schlotheim zurücklegen, um ihre Einkäufe erledigen zu können.

Ein weiteres schwerwiegendes Problem stellt die medizinische Versorgung dar. Zwar gibt es mittlerweile in einer umgebauten Wohnung eine kleine Arztpraxis, nach den Erzählungen der Bewohner*innen ist die Versorgung jedoch nicht ausreichend. Der zuständige Arzt kommt täglich gerademal für zwei Stunden bei fast 700 zu betreuenden Personen. Auch die beiden zusätzlichen Krankenschwestern reichen nicht aus, um eine gute medizinische Betreuung zu gewährleisten. Eine adäquate Behandlung ist kaum möglich. Selbst bei Notfällen, so berichten uns die Menschen, müssen sie lange auf einen Termin warten. Die Versorgung sei auch eher notdürftig, viel mehr als die „Ausgabe von Schmerzmitteln und die Behandlung von Kleinigkeiten“ gebe es nicht. Zudem sei die Kommunikation schwierig, da es keine*n Dolmetscher*innen gibt. Wie oben schon angeführt, ist die Sprachbarriere auch nicht aufzubrechen, solange die Menschen keinen kostenfreien Zugang zu Deutschkursen bekommen.

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Wir treffen einen 59-jährigen Mann aus Syrien. Er hat Diabetes, Asthma und nach einem Sturz auch Probleme mit seinem Bein und seinen Nerven. Er berichtet, dass er zwar Rezepte für die benötigten Medikamente bekommt, jedoch nur jene, die er selbst bezahlen muss. Auch eine Überweisung zu Fachärzt*innen konnte daran nichts ändern. Er berichtet, dass die Dosis Insulin für einen Monat allein 52 € kostet. Zusätzlich kommen noch die Medikamente für sein Asthma hinzu. „Asthma und Zuckerkrankheit ist kein Spiel, man muss aufpassen“ sagt er mahnend. Er wünsche sich Hilfe von der Sozialbetreuung, doch diese bleibt aus und seine Familie muss das Geld für seine Medikamente irgendwie aufbringen.

Als wir nach der Betreuung der Kinder und dem Zugang zu Schulen und Kitaplätzen fragen, ergibt sich das Bild, dass kein Kind, welches wir treffen oder mit dessen Eltern wir uns unterhalten, ein Kitaplatz bekommen hat. Immerhin scheint die Aufnahme in die Schule grundsätzlich zu funktionieren. Kinder und Jugendliche erzählen uns stolz, dass die Schule in der nächsten Woche beginnt. Die Betreuung durch die Sozialarbeit führte beim Thema  Schulbesuche leider zu einigen Unklarheiten. Bezüglich der Einschulung gab es lediglich eine auf Deutsch verfasste Notiz an die Eltern, die ein erstes Treffen dazu mit den Sozialarbeiter*innen ankündigte. Leider haben wir erfahren, dass manche Eltern die Nachricht nicht verstanden und daher das Treffen nicht wahrnehmen konnten.

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Zur Unterbringung und den Wohnungen hören wir kaum Beschwerden. Zwar seien zwei kleine Familien (zusammen sieben Personen) in einer Zwei-Zimmer-Wohnung schon etwas zu viel, sie würden aber gut zurechtkommen, erzählen die Bewohner*innen.Wir werden von einer syrischen Familie in ihre Wohnung eingeladen und können ihnen dabei noch eine kurze Beratung bezüglich ihres Bescheids zum Asylverfahren geben. Das Zimmer, in welchem uns eine Tasse Tee und Selbstgebackenes angeboten wird, ist spärlich eingerichtet, befindet sich ansonsten aber in einem akzeptablen Zustand. Bei der Betrachtung des Bescheides unserer Gastgeber*innen stellen wir fest, dass die Familie zwei unterschiedliche Bescheide, einen aus Bonn und einen aus Berlin, bekommen hat. Dieser Verfahrensfehler führte auch dazu, dass die Familienmitglieder von einer Behörde als Flüchtlinge nach der Genfer Flüchtlingskonvention anerkannt worden sind und damit einen dreijährigen Schutz zugesprochen bekommen haben. Die andere Behörde hat ihnen lediglich den subsidiären Schutz, geltend für ein Jahr, bescheinigt. Zu unserer Verwunderung entdecken wir, hinten angeheftet an einen der beiden Bescheide, einen dritten Bescheid an eine Person, die die Familie überhaupt nicht kennt. Die angeschriebene Person ist nicht mal in Obermehler, geschweige denn in Thüringen untergebracht. Solche Fehler, eine zweifache, dabei unterschiedliche Entscheidung, ebenso das Nicht-Zustellen von Bescheiden kann zu schwerwiegenden Problemen führen.

Nachdem wir die Behörden immerhin über ihre Fehler informieren konnten, verabschieden uns wir uns von der Familie und machen uns auf den Heimweg. Wir fahren wieder an dem viel genutzten Weg nach Schlotheim entlang, an dem die Menschen  ihren Einkäufen mit Hilfe der Fahrräder transportieren.

09.08.2016 Flüchtlingsrat Thüringen

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Langeweile als Dauerzustand

Ein Gedanke zu “Langeweile als Dauerzustand

  1. anoyom schreibt:

    Ist wie knast
    Und jetzt die Flüchtlinge die wohnen in mühlhausen Die müssen auch nach obermehlor
    Ich war ungefähr 3 jahre in Felchta gewesen 4 Dusche für 180 Flüchtlinge
    4 Toilette für 20 Flüchtlinge , eine Küche für 20 Leute
    Ea gibt viele Probleme aber niemand versteht uns wann wir sagen etwas dann die sagen dann geh zurück
    Ich hab gelernt studiert und wollte Ausbildung
    Ich wollte nur ein Wohnung haben damit ich in ruhe studieren kann aber nichts and die haben mir gesagt du brauchst kein Ausbildung
    Wir wollen uns integrieren , Arbeiten.
    Wenn du läufst auf der Straße hörst du nur Knacke , scheiße Ausländer jeden Tag . niemand will uns helfen
    320€ ein zimmer für 4 Leute Das kann gut für Anfänger sein aber nach dem 3 jahre es ist nicht reicht deswegen ich hab mich entscheidet zur arbeiten.
    Aber das Problem ist noch Bundesamt für immigration ein asyl Antrag dauert mehr als 4 , 6 jahre wie bei mir
    Du musst 4 oder 6 kann mehr jahren auf null sein and du weißt auch nicht wie lange du darfst in Deutschland bleiben
    Einfach ich bin ein Menschen keine Tiere das für Aufenthalt so lange warten muss…..

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