Vergessen in Sonneberg

10.08.2016, Sonneberg

An unserem dritten Tag der Lagert(h)our im August 2016 fahren wir nach Sonneberg. Nach knapp zwei Stunden Fahrt sind wir angekommen und treffen eine ehrenamtliche Unterstützerin vor Ort.  Sie hat eine Familie betreut, die bis vor kurzem noch in dem alten Fabrikgebäude wohnte. Dadurch hat sie weiterhin Kontakt zu den anderen Bewohner*innen, die dort untergebracht sind. Abgelegen im Industriegebiet befindet sich die Sammelunterkunft zwischen Bahngleisen und Lagerhallen. Ein Supermarkt liegt in der Nähe. Alle weiteren wichtigen Einrichtungen befinden sich dagegen rund vier Kilometer entfernt in der Stadt. Es gibt die Möglichkeit den Bus bzw. die Bahn zu nutzen, mit den begrenzten Leistungen aus dem Asylbewerberleistungsgesetz, ist dies für die Bewohner*innen meist nicht aufzubringen. Die Strecke wird daher in der Regel mit dem Fahrrad, soweit die Menschen eines besitzen, oder zu Fuß zurückgelegt.

dsc_5676

Vor dem Gebäude befindet sich eine winzige Grünfläche mit einem Sandkasten, der seinem Namen weder gerecht wird, noch zum Spielen einlädt. Sonstige Freizeitbeschäftigungen, gerade für Kinder, gibt es in näherer Umgebung nicht. Das Gebäude selbst ist kaum renoviert, die Gemeinschaftsräume spärlich bis beinahe überhaupt nicht eingerichtet, die Treppenaufgänge dreckig. An ein Gebäude in dem Menschen wohnen (sollen), erinnert hier nichts. Dennoch wohnen hier je nach aktueller Belegung zwischen 70 und 100 Menschen. Viele kommen aus Afghanistan, dazu noch einige aus Syrien und dem Irak. Die Menschen verbringen ihren Alltag in der trostlosen Umgebung ohne ausreichende Sozialbetreuung, die nur „ab und zu mal vorbeikommt“, so berichten es uns die Menschen. Auch eine regelmäßige ehrenamtliche Unterstützung gibt es nicht, vereinzelt käme mal ein*e Unterstützer*in vorbei. Den Menschen fehle aber der Kontakt und die grundlegende Möglichkeit zur gesellschaftlichen Teilhabe. Ein Deutschkurs zu besuchen bleibt den meisten hier verwehrt. Laut Unterstützerin hatte das Landratsamt einen Sprachkurs vor Ort angekündigt. Die Räumlichkeiten wären vorhanden. Passiert ist sei seither nichts. Auch eine ausreichende Asylverfahrensbetreuung fehlt. Dies zeigt sich besonders daran, dass wir die meiste Zeit die Menschen zu asylrechtlichen Fragen beraten. Dabei stellt sich auch heraus, dass sehr viele Bewohner*innen seit Monaten auf ihre erste Anhörung beim Bundesamt warten. Sie hatten seit ihrer Ankunft in Deutschland letzten Herbst bis Juni 2016 lediglich eine BüMa (Bescheinigung über die Meldung als Asylsuchender) oder gar nur einen Hausausweis der Erstaufnahmestelle. Im Juni diesen Jahres wurde dann durch die Ausländerbehörde ein Ankunftsnachweis ausgestellt. Seitdem gab es keine Kontaktaufnahme seitens der Behörden. Die Menschen verharren weiter in Unsicherheit und sind ohne Informationen zum weiteren Verlauf ihres Asylverfahrens.

dsc_5663 dsc_5665

Die Gespräche mit den Bewohner*innen zeigen, dass es an Beratungs-, Sprach- und Beschäftigungsmöglichkeiten fehlt. Gerade die jungen Volljährigen „hängen“ in der Luft. Sie wollen in die Schule gehen, Deutsch lernen oder Ausbildung machen. Einige der anwesenden Männer haben bereits an Maßnahmen teilgenommen, kaum einer von ihnen hatte bisher die Möglichkeit an einem langfristigen Deutschkurs teil zu nehmen. Auch frauenspezifische Angebote fehlen in Gänze. Alle Jugendlichen in der GU hoffen auf die Aufnahme ins BVJ- Sprache, doch das Ministerium hat die Zugangsvoraussetzungen verengt: es müssen bereits vor Besuch des BVJ-Sprache Sprachkenntnisse vorhanden sein. Wie sollen die Jugendliche ohne Sprachkursangebote diese vorweisen?

dsc_5668

Zusammenfassend finden die Menschen das Leben in der Unterkunft langweilig und wollen eigentlich nur so schnell es geht weg von hier. Eine Familie wartet trotz Anerkennung seit mehr als sieben Monaten (Stand Juli 2016) darauf, aus Sonneberg wegziehen zu können. Hilfe oder die reale Möglichkeit dazu bleibt aus.

Die Heimleitung ist nicht anzutreffen. Der Sicherheitsdienst kommt nur am Abend. Es gibt tagsüber keinerlei Ansprechpartner*innen vor Ort und niemand kennt einen Kontakt im Landratsamt, der oder die zur Not angerufen werden könnte. Wir sehen diesbezüglich auch keinerlei Aushänge oder Hinweise.

 

Noch gab es keine besonderen Vorfälle an der Unterkunft. Allgemein sei die Stimmung in Sonneberg sehr kritisch. Die Bewohner*innen erzählen uns von pöbelnden Menschen, die keinerlei Scham verspüren auf offener Straße vermeintliche „Ausländer*innen“ zu beleidigen. Die Unterstützerin kann diese Aussagen nur bestätigen. Sie musste bei Behördengängen miterleben, wie vorbeigehende Menschen den Geflüchteten nachäffen.

Die Bewohner*innen berichten uns, dass die Sicherheitskräfte sehr strikte Regelungen vorschreiben. Das Rauchen in Zimmern wird mit Geldstrafen sanktioniert, Besuch, der über Nacht bleibt, muss angeblich 6€ pro Nacht zahlen. Ein aushängender Putzplan teilt ein, wann welche Bewohner*innen welche Räume zu putzen haben. Dies bezieht sich auch auf die Gemeinschaftsräume, also auf Räume, die von einzelnen  Menschen bzw. Familien möglicherweise kaum genutzt werden. Den Aushang des Putzplanes nach führt ein Verzug, der festgelegten „Zuständigkeit“, ebenfalls zu Sanktionen. Laut Thüringer Gemeinschaftsunterkunfts- und Sozialbetreuungsverordnung (ThürGUSVO) Anhang 1 Punkt 9 müsste es, unabhängig von den Bewohner*innen, eine „bedarfsgerechte Reinigung der Gemeinschaftsräume, der sanitären Einrichtungen und Flure“ geben.

dsc_5658

Die seit Jahren nicht sanierte DDR-Fabrik, die ursprünglich nicht zu Wohnzwecken erbaut wurde, befindet sich allgemein in einem desolaten Zustand. Dies zeigt sich überdeutlich bei den Bädern. Von schlecht bis gar nicht verputzt, undichten Wasserleitungen, Duschen die nicht abschließbar sind, bis zu Duschen bei denen die Duschwände durchsichtig sind oder gänzlich fehlen. An einigen Stellen bilden sich Pfützen in Toiletten und Duschen am schlecht gefliesten Boden. Ein ähnliches Bild ergeben die Küchen. Sie sind spärlich eingerichtet, es funktionieren nur manche der Geräte, welche wir aber in einem schlechten Zustand vorfinden. Ansonsten steht in den Küchen nicht mehr, als ein paar Herde und kaputte Wandschränke, die von niemandem genutzt werden. Auch die alten Holzfenster sind für Wohnräume in keinster Weise geeignet. Manche lassen sich nicht öffnen oder schließen, gerade im Winter ein untragbarer Zustand. Die Bewohner*innen bewahren alle ihre Lebensmittel in den eigenen Zimmern auf und befinden sich tatsächlich nur zum Kochen in der Küche.

dsc_5640

Wir erhalten in Sonneberg den Eindruck, dass sich die Menschen in der GU auf der einen Seite sehr gut selbst organisieren und auf der anderen, auf der behördlichen Seite, völlig alleine gelassen werden. So führen wir bis zur letzten Sekunde Gespräche und beraten, bevor wir uns von den Menschen verabschieden und zurück ins Büro fahren.

Advertisements
Vergessen in Sonneberg

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s