Tief im Wald – „Ich will weg von hier!“

Ende November brachen wir ein weiteres Mal auf, um für einen Tag die Gemeinschaftsunterkunft in Frauenwald zu besuchen. Ziel war es wie immer, einen Eindruck zu bekommen, wie es den dort wohnenden Menschen ergeht, was sie zufrieden stimmt, aber auch welche Verbesserungsmöglichkeiten es gibt oder mit welchen Schwierigkeiten sie konfrontiert sind.

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Nach einer Stunde Fahrt, tief in den Thüringer Wald, kommen wir bei den Wohnblocks in Frauenwald an. Momentan leben dort rund 60 schutzsuchende Menschen. Bei voller Belegung können bis zu 100 Menschen dort untergebracht werden. Die meisten derzeitigen Bewohner*innen sind aus Afghanistan geflüchtet, andere kommen aus dem Irak, Somalia, Eritrea oder Syrien.

In unseren Gesprächen mit den Menschen kommen wir schnell auf die Problematik der Lage Frauenwalds und die fehlende Infrastruktur vor Ort zu sprechen. Die nächste Einkaufsmöglichkeit ist in Schmiedefeld. Angebote, die über das Abdecken der Grundbedürfnisse hinausgehen, fehlen aber auch dort. Um etwa einen Sprach- oder Integrationskurs zu besuchen, müssen die Menschen mindestens 30 Minuten mit dem Bus nach Ilmenau fahren. Eine Hin- und Rückfahrt kostet fast 10€ am Tag. Die regelmäßige Teilnahme an Bildungsangeboten finanziert das Sozialamt, sonstige Fahrtkosten müssen selbst übernommen werden. Aufgrund der fehlenden Einkaufsmöglichkeit vor Ort wurde ein kostenloser Bustransfer eingerichtet, der einmal die Woche zum nächsten Supermarkt fährt. Die Heimleitung hat für zusätzliche Fahrten einen Kleinbus als Dienstwagen. Damit können sie die Bewohner*innen unterstützen und zu wichtigen Terminen begleiten. Grundsätzlich ist dies sehr zu begrüßen. Leider hören wir aber von verschiedenen Bewohner*innen, das es an Transparenz fehle, wer, wann und wofür diese Fahrten in Anspruch genommen werden können und ob beispielsweise ein Entgelt erbracht werden muss.

Die Bewohner*innen, mit denen wir sprechen, hoffen, bald in eine größere Stadt umziehen zu können. Sie wünschen sich die Möglichkeit, mit Menschen in Kontakt zu kommen, vor allem um Deutsch sprechen und lernen zu können. In Frauenwald sei es schwierig, mit anderen Menschen als den Bewohner*innen selbst, zusammenzutreffen. Es gibt vor Ort einen kleinen Unterstützer*innenkreis, der sich aus der Kirchengemeinde vor Ort gebildet hat. Dieser Kontakt findet allerdings größtenteils außerhalb der Unterkunft statt. Wie sich herausstellt, ist ein Besuch in der Unterkunft nur schwer möglich. Es bedarf, so werden wir belehrt, immer einer Anmeldung bei der Heimleitung oder dem Sozial- bzw. Landratsamt. Auch eine explizite Einladung zu Tee in die Wohnungen von Bewohner*innen ändert erstmal nichts daran, dass wir uns nicht auf dem Gelände aufhalten sollen und den Bewohner*innen sogar ausdrücklich verboten wird, mit uns zu sprechen.

Einige Bewohner*innen bringen Beschwerden über die Betreuung vor. Die Menschen erzählen uns, dass eine*r der Verantwortlichen der Unterkunft Arabisch spricht. Daraus ergebe sich aber ein unterschiedlicher Umgang je nach Sprachkenntnissen. Bewohner*innen berichten von schleppender Hilfe, beispielsweise bei der Vereinbarung von Arztterminen oder Fragen zur erhaltenen Post. Wir hören, dass bei akuten Zahnschmerzen erst nach drei Wochen ein Zahnarztbesuch ermöglicht wurde. In einem anderen Fall wurde der Bitte, eine kranke Frau mit dem Dienstbus zum Arzt zu bringen, zunächst drei Tage nicht nachgekommen. Erst dann wurde sie zu Fuß zum Arzt begleitet. Kurz vor der Arztpraxis brach die Frau zusammen, sodass ein Krankenwagen gerufen wurde und ein mehrtägiger Krankenhausaufenthalt folgte. Ein gemeinsamer Dialog zwischen Heimpersonal und Bewohner*innen könnte Unklarheiten, auch zur Nutzung des Busses, ausräumen. Allgemein ist die medizinische Versorgung unzureichend, da die Wartezeiten bei dem einzigen Arzt in Frauenwald sehr lange seien. Dies verzögert auch die Überweisung zu Fachärzt*innen.

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Des Weiteren müssen wir bedauerlicherweise feststellen, dass kein Kind, welches wir treffen, in die Schule geht, obwohl nach drei Monaten für jedes Kind die Schulpflicht greift. Ebenfalls fehlt es an Kita-Plätzen und einer guten Beratung bzw. Weitervermittlung bei Fragen zu Bildungsangeboten. Afghanen wurde fälschlicherweise mitgeteilt, sie dürften keine Berufsschule besuchen. Dass dies offensichtlich falsch ist, zeigt ein junger Afghane, der sich daraufhin selbstständig um seinen Bildungszugang bemüht hat und nun in Ilmenau die Berufsschule besucht. Bildungs- und Sprachangeboten sind im Ilm-Kreis kaum vorhanden. Ein paar wenige der dort wohnenden Menschen fahren nach Ilmenau oder sogar bis Erfurt um an Integrationskursen teilzunehmen.

Wünschenswert wäre eine Anlaufstelle für die Bewohner*innen, bei der sie ihre Probleme und die daraus resultierenden Beschwerden vortragen können. Die Menschen erzählen uns, dass sie Angst vor Beschwerden bei der Heimleitung oder dem Sozialamt haben, da sie befürchten, dies könne sich negativ auf ihre Situation und ihr Asylverfahren auswirken.

Informationen und damit der Zugang zu externen Beratungsstellen sind leider nicht vorhanden. Die einzige alternative Anlaufstelle für Hilfe ist der kleine Kreis an Unterstützer*innen. Schon lange treffen sich die Unterstützer*innen und die Geflüchteten aufgrund der Anmeldepflicht nicht mehr in der Unterkunft, sondern in privaten Wohnungen oder einmal wöchentlich im Welcome-Raum der Kirchengemeinde. Die Stimmung gegenüber den Geflüchteten im Dorf sei sehr negativ, erzählt uns ein*e Unterstützer*in und so beschränkt sich der Kreis der Aktiven auf ein paar wenige. Trotz fehlender Ressourcen gibt es einen regen Austausch und vielfältige Unterstützung in Form von Freizeitangeboten, Informationsveranstaltungen zu Arbeitsmöglichkeiten und allgemeiner Hilfestellung bei Fragen.

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Zum Ende unseres Besuches durften wir erfreulicherweise die Einladung einer Familie zu Tee und Gebäck in ihre Wohnung doch noch annehmen und bekamen so auch ein Eindruck vom Inneren des Gebäudes. Die Wohnungen sind vor gut einem Jahr renoviert worden. Die Küche ist vergleichsweise klein und für eine 11-köpfige Familie ist eine Drei-Zimmer-Wohnung plus einem Zimmer in der Nebenwohnung sehr eng bemessen. Gerade wenn Unterkünfte nicht voll ausgelastet sind, sollte jedem Menschen genügend Platz zur Verfügung gestellt werden. Andere Bewohner*innen leben zu viert in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Im Gespräch erfahren wir noch, dass es ein W-Lan-Angebot gibt. Um das Angebot zu nutzen, fallen jedoch für jedes Gerät monatlich 16€ an. Wie sich der vergleichsweise hohe Betrag ergibt, ist den Bewohner*innen nicht ersichtlich.

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Wir verabschieden uns nach dem Gespräch und fahren zurück nach Erfurt. Es bleibt der Eindruck, dass die Lage der Unterkunft das alltägliche Leben der Bewohner*innen sehr erschwert. Besonders der Zugang zu Bildung, Arbeit, rechtlicher Beratung und medizinischer Versorgung sind bei Unterbringungen in derart ländlichen Gegenden kaum zu gewährleisten. Der Satz, „Ich möchte so schnell es geht weg!“, bekamen wir verständlicherweise oft zu hören.

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