„Wann können wir umziehen?“ Anerkannte weiterhin in GU

Unser Besuch in Eckolstädt war die letzte Lagertour-Fahrt für das Jahr 2016. Im Weimarer Land gelegen, wohnen die Menschen in einem Plattenbau am Rande von Eckolstädt. Die meisten der dort untergebrachten Bewohner*innen haben bereits ihre Anerkennung als Flüchtlinge oder einen anderen Aufenthaltstitel. Es leben ausschließlich Familien aus Syrien oder dem Irak in dem Wohnblock, insgesamt rund 130 Personen. Unverständlich bleibt, warum die anerkannten Geflüchteten kaum Unterstützung bekommen, in eine eigene Wohnungen ziehen zu können. Diese Unterstützung fehlt trotz des Wunsches und des Rechts der Menschen, in eine eigene Wohnung zu ziehen.

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Mit Bewohner*innen, die vor der Unterkunft zum Rauchen stehen, kommen wir schnell ins Gespräch. „Es ist okay hier“ sagen sie. Die Wohnungen seien groß genug und die Sozialarbeiterin betreue die Menschen, wenn sie Hilfe benötigen. Nach den ersten Gesprächen werden wir in eine Wohnung eingeladen. Die Größe der Wohnung ist für eine Familie mit zwei Kindern und einem Neugeborenen angemessen. Des Weiteren erfahren wir, dass eine Familie mit acht Personen entsprechend in zwei Wohnungen untergebracht hat. Genügend Platz für jede*n, ist gerade für die Gewährleistung der Privatsphäre wichtig.

Einige der Bewohner*innen haben bereits ein Auto oder sind dabei, den Führerschein zu machen. In Jena gibt es eine Fahrschule, die den Theorieunterricht auf Arabisch anbieten kann. Die meisten Geflüchteten aus Eckolstädt besuchen Integrationskurse. Einige Iraker*innen warten leider noch auf eine Kursteilnahme, obwohl sie bereits Anspruch auf einen Platz haben. Auch Sprachkurse gibt es vor Ort noch zu wenige, einige machen zum zweiten Mal einen A2 Deutschkurs, da die B1 Kurse überlastet sind. Die Kurse finden mehrheitlich in Apolda statt. Unter der Woche erreichen die Teilnehmer*innen der Kurse diese mit dem Bus, allerdings fährt der letzte Bus an Wochentagen bereits um 18 Uhr. Am Wochenende gibt es keine ÖPNV Verbindung nach Apolda oder Jena. Die fehlende Anbindung erschwert es den Bewohner*innen, in Apolda und Jena auch am soziokulturellen Leben teilzunehmen. Die Infrastruktur ist wie erwähnt nicht mit einer größeren Stadt gleichzusetzten, immerhin findet sich in Eckolstädt ein Supermarkt. Andere Einkäufe und Besorgungen müssen jedoch in Apolda getätigt werden. Dort gebe es aber oft rassistische Beschimpfungen, sodass sich die Menschen dort nicht sehr sicher fühlen. Auch im Dorf sei die Stimmung problematisch, die Debatte über den Einzug von Geflüchteten in die damals leerstehenden Wohnungen war Zeitungsberichten nach sehr von rassistischen Bildern und Vorurteilen geprägt. Seit dem Einzug gibt es kaum Kontakt zwischen den Menschen, die schon länger dort leben und jenen, die der Unterkunft in Eckolstädt zugewiesen wurden. „Sie leben nebeneinander her, ohne miteinander in Berührung zu kommen“ ist der Eindruck einer Person, die regelmäßig vor Ort ist. Unterstützer*innen sehen die Notwendigkeit, den Austausch zwischen den Menschen zu suchen. So könnte das Leben der Bewohner*innen erleichtert werden und Vorurteile abgebaut werden.

Die Lage der Unterkunft ist daher nicht ideal, die hier untergebrachten Menschen würden gerne in eine andere Stadt umziehen. Gänzlich unzufrieden wirken sie mit der Unterbringung aber nicht, der Zugang zu Bildung und Arbeit gestaltet sich aber eben schwieriger als in einer größeren Stadt. Die medizinische Versorgung laufe indes gut. „Es gibt einen Arzt vor Ort“ erzählt uns ein Bewohner und es gebe auch keiner größeren Probleme, in Apolda auch zu Fachärzten zu kommen. Die Betreuung bei einer Geburt ist ebenfalls ausreichend, berichtet eine Mutter eines wenige Monate alten Kindes, welches im Apoldaer Krankenhaus zur Welt kam.

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Der Zugang zu Schulen und Kitas läuft laut Sozialarbeiterin gut, viele Kinder gehen in den Kindergarten, welche direkt neben der Unterkunft liegt. Die Kinder im Schulalter besuchen alle die Grund- bzw. Regelschule im Nachbardorf. Die Betreuung außerhalb öffentlicher Strukturen organisiert eine Unterstützer*innengruppe aus Jena. Sie kommen wöchentlich nach Eckolstädt, betreiben mit den Geflüchteten gemeinsam eine Fahrradwerkstadt und bieten zweimal pro Woche einen Deutschkurs an, geteilt in Frauen und Schulkinder. Einige Bewohner*innen nutzen zusätzlich noch das Angebot der Universität in Jena, einen Deutschkurs zu besuchen oder als Gasthörer*innen eingeschrieben zu sein. Auch über den FKI e.V. sind einige an die Strukturen und Anlaufstellen vor Ort angebunden. Es werden Patenschaften organisiert und in einem gemeinsamen Projekt mit dem Förderkreises Integration Apolda wurde ein Dokumentarfilm-Projekt mit deutschen und syrischen Frauen umgesetzt. Der Film feierte bereits Premiere und wurde schon in mehreren Thüringer Städten gezeigt.

Eine Frau erzählt uns allerding, dass „die Kinder nur zwei Stunden in der Kita sein können.“ Dadurch hat sie nur wenig Zeit für sich und diese Regelung verhindert gleichzeitig den Besuch eines Deutsch- bzw. Integrationskurses. Sie wünscht sich, die Kinder länger in Betreuung geben zu können. Im Gespräch wird erneut deutlich, dass gerade Angebote für Frauen fehlen. Wir nehmen Kontakt zum Frauen- und Familienzentrum in Apolda auf und erfahren von passenden Angeboten für Frauen mit Kindern, welche wir mitsamt der herzlichen Einladung von Seiten des Frauen- und Familienzentrums an die Mutter weitergeben.

Nach der Verabschiedung sind wir auf der Rückfahrt froh, dass es den Menschen in Eckolstädt trotz der ländlichen Lage im Vergleich  zu anderen Unterkünften relativ gut geht, zumindest teilweise eine Anbindung an die Strukturen vor Ort vorhanden sind und bei der Sozialarbeit Unterstützung finden. Dennoch wäre es notwendig, die ÖPNV Verbindungen auszubauen, allen, die Anspruch auf einen Integrationskurs haben, die Teilnahme zu ermöglichen und die Betreuung von Kindern, wie die Angebote für Frauen auszubauen. Des Weiteren sollten gerade Menschen mit Aufenthalt ein möglichst schneller Umzug ermöglicht werden, da dies oft einen besseren Arbeitsmarkt- sowie Bildungszugang ermöglicht.

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